Möglichkeitssinn braucht Wirklichkeitssinn

Ich habe Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften gelesen – und war beeindruckt, wie gegenwärtig dieses Buch wirkt.
Nicht, weil Musil unsere heutige Energie- oder Transformationsdebatte vorausgesagt hätte. Sondern weil er ein Muster beschreibt, das Führungskräfte bis heute kennen: Es wird viel gedacht, diskutiert und organisiert – aber die Verbindung zwischen Idee, Wirklichkeit, Verantwortung und Entscheidung kann verloren gehen.
Eine wichtige historische Einordnung
Der Roman spielt ab August 1913, also unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Die geplante „Parallelaktion“ soll für 1918 ein großes österreichisches Kaiserjubiläum vorbereiten. Rückblickend ist die Absurdität offensichtlich: Während Komitees nach der großen verbindenden Idee suchen, steuert Europa auf den Krieg zu.1
Musil hat das jedoch nicht einfach „vor dem Ersten Weltkrieg gesagt“. Er diente von 1914 bis 1917 als Offizier. Vorstufen des Romans entstanden ab 1918; ab 1924 wurde er zu seiner Hauptarbeit. Der erste Band erschien 1930.123
Die Handlung blickt auf die Zeit vor 1914. Geschrieben wurde der Roman aus der Erfahrung dessen, was danach geschehen war.
Diese Unterscheidung schwächt die Aktualität des Buches nicht. Sie erklärt die Schärfe seiner Analyse.
Die Parallelaktion: viel Aktivität, wenig Entscheidung
Die Parallelaktion versammelt Einfluss, Bildung und große Absichten. Es entstehen Sitzungen, Programme, Begriffe und Zuständigkeiten. Doch eine tragfähige Richtung kommt nicht zustande.
Musil liefert kein Etikett für heutige Elitenkritik. Seine Beobachtung ist konkreter: Organisationen können sehr aktiv sein und trotzdem entscheidungsarm bleiben. Je größer die Ambition, desto wichtiger werden Wirklichkeitsbezug, Verantwortlichkeit und Konsequenz.
Genau darin liegt für mich die Aktualität des Buches.
Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn
Musil stellt dem Wirklichkeitssinn den Möglichkeitssinn zur Seite:
„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, […] dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.“4
Möglichkeitssinn heißt bei Musil nicht, Fakten zu ignorieren. Es ist die Fähigkeit, das Bestehende nicht für alternativlos zu halten und eine andere Wirklichkeit denken zu können. Der Text stellt Möglichkeit nicht gegen Wirklichkeit; er zeigt zugleich, wie Ideen ohne Wirklichkeitsbezug ins Unpraktische kippen können.
Für unternehmerische Entscheidungen brauchen wir deshalb beides:
- Möglichkeitssinn, um ein neues Zielbild zu entwickeln
- Wirklichkeitssinn, um Daten, Technik, Kapital und Organisation ernst zu nehmen
Vision ohne Wirklichkeit bleibt Konzept. Wirklichkeit ohne Möglichkeit verwaltet nur den Status quo.
Was das mit Transformation zu tun hat
Musil schrieb nicht über All-Electric Buildings, Photovoltaik, Speicher oder Ladeinfrastruktur. Die Übertragung auf Energie und Transformation ist meine eigene.
Aber das Muster ist vertraut: Unternehmen formulieren Klimaziele, Digitalstrategien und Investitionsprogramme. Dann entstehen Arbeitskreise, Präsentationen und Einzelmaßnahmen. Was häufig fehlt, ist eine integrierte Entscheidungsgrundlage:
- Wie greifen Strom, Wärme, Prozesswärme und Mobilität zusammen?
- Welche Variante ist technisch belastbar?
- Welche Annahmen tragen den Business Case?
- Wie verändern CAPEX, OPEX, TCO, NPV, IRR und DSCR die Entscheidung?
- Wer übernimmt Verantwortung für Pilot, Umsetzung und Skalierung?
Energie folgt keiner Erzählung. Netze, Lastprofile, Investitionen und Betriebskosten lassen sich nicht wegmoderieren. Gleichzeitig entsteht Transformation auch nicht durch das bloße Fortschreiben des Bestehenden.
Die unternehmerische Aufgabe besteht darin, eine mögliche bessere Zukunft mit der messbaren Realität des Standorts zu verbinden.
Warum das zu meiner Arbeit passt
SPARRING bedeutet für mich nicht, die nächste Präsentation zu produzieren. Es bedeutet, gemeinsam an einer Entscheidung zu arbeiten, bis sie belastbar ist.
Dazu gehört auch Reibung:
- eine attraktive Idee gegen Zahlen und Randbedingungen prüfen
- scheinbar sichere Annahmen hinterfragen
- technische Möglichkeiten mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit verbinden
- Verantwortlichkeiten und nächste Schritte eindeutig machen
Ich bringe dabei meine eigene Erfahrung aus mehr als 30 Jahren Aufbau, Skalierung, Transformation und Unternehmensverkauf ein. Ich lese Musil nicht als Literaturwissenschaftler, sondern als Unternehmer, der in der Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit etwas sehr Praktisches erkennt.
Mein persönliches Fazit
Das Buch hat mich beeindruckt, weil es zeigt, wie leicht kluge Menschen in klugen Systemen die Richtung verlieren können.
Für mich lautet die unternehmerische Konsequenz:
Möglichkeitssinn eröffnet den Weg. Wirklichkeitssinn macht ihn belastbar. Verantwortung bringt ihn in die Umsetzung.
Genau an dieser Schnittstelle arbeite ich mit Geschäftsführungen, Unternehmern und Führungsteams: wenn viele Optionen im Raum stehen, die Entscheidung aber klar, wirtschaftlich und umsetzbar werden muss.
Quellen
- 1.Walter Fanta: The Man without Qualities, 1914-1918-online – Handlungszeit, Werkbeginn und Parallelaktion
- 2.Encyclopaedia Britannica: Robert Musil – Biografie und Werkchronologie
- 3.Deutschlandfunk: Als Robert Musils Mann ohne Eigenschaften erschien
- 4.Österreichische Nationalbibliothek / Musil Online: Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn
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