Energieautarkie im Mittelstand: Zu Besuch bei August Weckermann in Eisenbach

Energieautarkie im Mittelstand: Zu Besuch bei August Weckermann in Eisenbach
Wie sieht die Energielösung der Zukunft aus – nicht als Konzept auf dem Papier, sondern als laufende Anlage in einem mittelständischen Produktionsbetrieb? Diese Frage hat mich am 19. März 2026 in den Hochschwarzwald geführt, zur August Weckermann KG in Eisenbach. Was ich dort gesehen habe, ist in seiner Integrations- und Steuerungstiefe bislang einzigartig in Deutschland.

Ein Familienunternehmen mit Tüftler-DNA
Die August Weckermann KG ist kein typischer Energiepionier. Seit 1885 – mittlerweile in fünfter Generation unter David Dudlinger – fertigt das Unternehmen diamantierte Oberflächen für Premiumkunden wie Hansgrohe, Grohe, Dornbracht, Montblanc und Burmester. 151 Mitarbeitende, über 30 Millionen Euro Umsatz, rund 4.000 Tonnen Materialdurchsatz pro Jahr. Ein klassischer Schwarzwälder Mittelständler mit hoher Fertigungstiefe und einem klaren Leitbild: Ästhetik, Präzision und Tüftlergeist.
Genau dieser Tüftlergeist hat das Unternehmen dazu gebracht, beim Neubau am sonnigeren Bergstandort nicht nur eine neue Produktionshalle zu errichten, sondern ein integriertes Energie- und Thermikkonzept zu realisieren, das seinesgleichen sucht.
Das Gesamtsystem: PV, Batterie, Wasserstoff und Wärmekreislauf
Das Projekt AWVision23 verbindet mehrere Technologien zu einem Kreislaufsystem, in dem jedes erzeugte Kilowatt doppelt wirken soll – einmal als Prozessenergie, einmal als Wärme.
| Komponente | Spezifikation |
|---|---|
| Photovoltaik (Dach + Freifläche) | Peak bis 2.700 kW, ca. 2,5 Mio. kWh/Jahr |
| LFP-Batteriespeicher | 3,4 MWh / 1,7 MW (Gotion Germany) |
| Elektrolyseur | 300 kW (Kyros), modular 3×100 kW, 5,4 kg H₂/h |
| Wasserstoffspeicher | 4× 150 m³ (WACO), ca. 1.400 kg H₂, 40 bar |
| Brennstoffzelle | 80 kW elektrisch (Future D) |
| Thermischer Speicher | 200 m³ Löschwasserbecken |
| Autarkiegrad | bis 90 % |
| Investition | 8 Mio. €, davon 2,5 Mio. € Förderung (Land BW) |
Der Werksbedarf liegt bei rund 2 Millionen kWh pro Jahr – die Anlage produziert also mehr als das Werk verbraucht und schafft damit echte Energieautarkie.

Wasserstoff als saisonaler Speicher
Das Herzstück des Konzepts ist die Wasserstofftechnologie. Der 300-kW-Elektrolyseur spaltet Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff – und zwar mit aufbereitetem Regenwasser. Eine 100-m³-Zisterne sammelt Niederschlag, der zu Reinstwasser aufbereitet wird. Weckermann beansprucht hier eine Pionierrolle: Regenwasser als Quelle für grünen Wasserstoff.

Die vier Speichertanks fassen insgesamt rund 1.400 kg Wasserstoff. Im Winter, wenn die PV-Erträge sinken, springt die 80-kW-Brennstoffzelle ein und wandelt den gespeicherten Wasserstoff zurück in Strom und Wärme. Geplante Betriebsstunden im Winter: 2.000 bis 2.500 Stunden. Das System ermöglicht sogar einen mehrtägigen Blackout-Betrieb – echte Resilienz für einen Produktionsstandort.

Thermisches Kreislaufdenken
Besonders beeindruckend ist das thermische Konzept. Das 200-m³-Löschwasserbecken dient gleichzeitig als thermischer Speicher: Im Sommer kühlt es, im Winter puffert es Wärme. Die Abwärme aus Maschinen, Druckluft, Leistungselektronik und Brennstoffzelle wird über ein Rohrnetz in separate Heizkreise eingespeist. Eine Wärmepumpe hebt das Temperaturniveau bei Bedarf an. Das Prinzip: Jedes elektrische Kilowatt soll doppelt wirken.

Steuerung zwischen Autarkie und Erlösoptimierung
Die Anlage ist nicht nur auf maximale Eigenversorgung ausgelegt, sondern bietet Steuerungsflexibilität: Je nach Produktionslast, Speicherfüllständen, Börsenpreisen und Wetterprognosen kann zwischen Autarkie-Maximierung (bis 90 %) und Erlösoptimierung (ca. 75 % Autarkie mit Peak-Einspeisung) gewechselt werden. Strategien wie Arbitrage, Nutzung negativer Strompreise und netzdienliche Einspeisung sind vorgesehen. In ein bis zwei Jahren soll eine KI-gestützte Gesamtsystemregelung die Steuerung übernehmen.
Was ich mitnehme
Der Besuch bei Weckermann zeigt: Energieautarkie im Mittelstand ist keine Utopie, sondern eine Investitionsentscheidung. 8 Millionen Euro sind kein Pappenstiel, aber die Amortisation liegt je nach Szenario bei 9 bis 20 Jahren – und die weichen Faktoren wiegen schwer: Planbare Energiekosten, eine starke CO₂-Bilanz, Arbeitgeberattraktivität im ländlichen Raum und Resilienz gegen Netzausfälle.
Entscheidend war die Projektorganisation: Eine Schlüsselperson wurde für drei Jahre freigestellt, externe Expertise früh eingebunden, und das persönliche Commitment der Führung wurde offen adressiert. Das ist kein Nebenprojekt – das ist eine strategische Unternehmensentscheidung.
„Dieses Projekt zeigt, wie Ingenieurleistungen konkrete Antworten auf die aktuellen Herausforderungen der Energieversorgung geben. Die Verbindung von Photovoltaik, Batteriespeichern und Wasserstofftechnologie ermöglicht mittelständischen Unternehmen eine stabile und nachhaltige Energieversorgung." – Julian Schnitzius, Bernard Gruppe
Für die HSG HUMMEL Service Group bestätigt dieser Besuch unsere Überzeugung: Die Zukunft der Energieversorgung liegt in integrierten, sektorengekoppelten Systemen, die Erzeugung, Speicherung, Wärme und intelligente Steuerung verbinden. Genau das treiben wir mit REVOLUTION E voran – und Projekte wie AWVision23 zeigen, dass der Weg gangbar ist.
Frank Hummel besuchte die August Weckermann KG am 19. März 2026 im Rahmen einer Fachexkursion. Die HSG HUMMEL Service Group berät Unternehmen bei der Planung und Umsetzung integrierter Energielösungen.
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