Elektrifizierung klein denken – warum der Mittelstand nicht auf die Großen warten muss

Elektrifizierung klein denken – warum der Mittelstand nicht auf die Großen warten muss
Der größte Hebel liegt nicht im Fuhrpark von 200 Fahrzeugen. Er liegt beim ersten.
Wenn ich mit Geschäftsführern über Elektrifizierung spreche, höre ich oft dasselbe: "Das ist noch nicht reif für uns." Oder: "Wir warten, bis die Infrastruktur steht." Oder mein persönlicher Favorit: "Das rechnet sich erst ab 50 Fahrzeugen."
Das ist falsch. Und ich sage das nicht als Idealist, sondern als Unternehmer, der selbst elektrifiziert hat – Schritt für Schritt, pragmatisch, wirtschaftlich.
Warum KMU bei Elektrifizierung zögern
Die Gründe sind immer dieselben. Zu teuer in der Anschaffung. Zu wenig Reichweite. Keine Ladeinfrastruktur. Zu komplex. Und natürlich: "Mein Elektriker sagt, das geht nicht."
Lassen Sie mich das einordnen. Ein VW e-Transporter kostet 2026 ab ca. 45.000 Euro netto. Ein vergleichbarer Diesel-Transporter liegt bei 35.000 Euro. Die Differenz: 10.000 Euro. Klingt viel – bis man rechnet.
| Kostenfaktor | Diesel-Transporter | E-Transporter |
|---|---|---|
| Anschaffung (netto) | ca. 35.000 € | ca. 45.000 € |
| Förderung 2026 (BAFA) | – | bis 6.000 € |
| Effektive Mehrkosten | – | ca. 4.000 € |
| Kraftstoff/Strom pro Jahr (25.000 km) | ca. 4.500 € | ca. 1.200 € |
| Wartung pro Jahr | ca. 1.200 € | ca. 400 € |
| **Jährliche Ersparnis** | – | **ca. 4.100 €** |
Nach einem Jahr sind die Mehrkosten drin. Ab Jahr zwei verdienen Sie Geld. Und wenn Sie eine eigene PV-Anlage haben, sinken die Stromkosten nochmals um 60 bis 70 Prozent.
Praxisbeispiel: Ein Handwerksbetrieb elektrifiziert
Ein SHK-Betrieb in der Region Stuttgart – 12 Mitarbeitende, 4 Transporter – hat 2025 den ersten Diesel durch einen E-Transporter ersetzt. Nicht alle vier auf einmal. Einen. Als Pilotprojekt.
Das Ergebnis nach sechs Monaten: Die Fahrer wollten nicht mehr zurück. Leiser, komfortabler, günstiger im Betrieb. Die Reichweite von 250 km reicht für 95 Prozent aller Tageseinsätze. Für die restlichen 5 Prozent gibt es Schnelllader – oder den zweiten Diesel, der noch im Fuhrpark steht.
Inzwischen sind drei von vier Transportern elektrisch. Der vierte folgt 2026.
Ladeinfrastruktur: Einfacher als gedacht
Das größte Missverständnis bei der Elektrifizierung ist die Ladeinfrastruktur. Viele denken an Schnellladeparks mit 150 kW. Dabei reicht für einen Handwerksbetrieb eine einfache 11-kW-Wallbox am Firmenstandort. Kosten: 800 bis 1.500 Euro plus Installation.
Das Fahrzeug steht nachts 10 bis 12 Stunden. In dieser Zeit lädt eine 11-kW-Wallbox rund 100 kWh – genug für 400 bis 500 Kilometer. Kein Handwerker fährt 500 Kilometer am Tag.
Wer es professioneller will, installiert ein Lastmanagementsystem. Das verteilt die verfügbare Leistung intelligent auf mehrere Ladepunkte und verhindert Lastspitzen. Kosten: überschaubar. Nutzen: erheblich.
Förderlandschaft 2026: Was es gibt
Die Bundesregierung hat die E-Auto-Förderung 2026 neu aufgelegt. Rückwirkend ab Januar 2026 gibt es wieder eine Kaufprämie von bis zu 6.000 Euro für rein elektrische Fahrzeuge. Antragsstellung voraussichtlich ab Mai 2026. Dazu kommen Steuervorteile: E-Fahrzeuge sind bis 2030 von der Kfz-Steuer befreit, und die private Nutzung wird mit nur 0,25 Prozent versteuert statt 1 Prozent beim Verbrenner.
Für Ladeinfrastruktur gibt es zusätzlich KfW-Förderprogramme und regionale Zuschüsse. In Baden-Württemberg beispielsweise fördert das Land den Aufbau von Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz.
Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
Die Fahrzeuge sind da. Die Förderung ist da. Die Wirtschaftlichkeit ist gegeben. Was fehlt, ist oft nur der erste Schritt.
Elektrifizierung ist kein Großprojekt. Es ist eine Reihe kleiner, pragmatischer Entscheidungen. Und die erste ist die wichtigste.
Mein Rat an jeden Mittelständler: Fangen Sie mit einem Fahrzeug an. Einem. Sammeln Sie Erfahrung. Lassen Sie Ihre Mitarbeitenden fahren. Und dann entscheiden Sie, ob Sie weitermachen. Die Antwort wird Ja sein.
Frank Hummel berät mit REVOLUTION E Unternehmen bei der Elektrifizierung von Gebäuden, Fuhrparks und Energiesystemen. Pragmatisch, herstellerneutral und wirtschaftlich.
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